
Der Piratenfürst: Fregattenkapitän Bolitho in der Java-See
Описание
1784. Die britische Ostindische Handelskompanie expandiert in Indonesien. Die Fregatte "Undine", unter dem Kommando von Richard Bolitho, spielt eine entscheidende Rolle. Intrigen am Hof, eine verführerische Frau und ein geheimes Mandat führen zu einem erbitterten Kampf gegen Rebellen, Piraten und Saboteure. Bolitho muss sich dem unbezwingbaren Dschungel, dem Monsun und den französischen Kanonen stellen – und seiner eigenen Leidenschaft. Dieser historische Roman entführt Sie in die Welt der Seefahrt, Intrigen und Abenteuer.
Für die Contessa
Tod und Teufel tanzen
zur Höllenmusik der Stürme
und rasen noch wilder zur Nacht,
wie um die Furcht einzulullen,
die den blinden Seemann beschleicht,
der nur ihren Zugriff fühlt.
Eine Ordonnanz des Admirals öffnete die Tür des kleinen Vorzimmers und sagte sehr höflich:»Würden Sie bitte hier eintreten, Sir?«Er wich beiseite, um Captain Richard Bolitho einzulassen.»Sir John weiß, daß Sie hier sind.»
Als der Diener gegangen war und die Tür hinter sich zugemacht hatte, trat Bolitho an den hohen Kamin, wo ein kräftiges Feuer brannte. Gut, daß ihn der Mann in dieses kleine Zimmer geführt hatte und nicht in einen der größeren Warteräume. Als er sich vor dem bitter kalten Märzwind, der durch die Straßen von Whitehall fegte, in das Admiralitätsgebäude geflüchtet hatte, war ihm der Gedanke an diese überfüllten Warteräume höchst unbehaglich gewesen. Dort traten sich die entlassenen Seeoffiziere gegenseitig auf die Füße und beobachteten das Kommen und Gehen solcher Besucher, die mehr Glück zu haben schienen, mit beinahe haßerfüllten Blicken.
Bolitho kannte diese Gefühle aus eigener Erfahrung, wenn er sich auch oft gesagt hatte, daß es ihm besser ging als den meisten anderen. Denn als er vor einem Jahr nach England zurückgekommen war, herrschte Friede im Land; Städte und Dörfer waren bereits voller Seeleute und Soldaten, die niemand mehr brauchte. Er dagegen hatte seinen Besitz bei Falmouth, ein solides, ertragreiches Landgut; außerdem hatte er eine Menge schwerverdientes Prisengeld mitgebracht — er mußte wirklich dem Schicksal dankbar sein.
Er trat vom Kamin weg ans Fenster und starrte auf die breite Straße. Es hatte fast den ganzen Vormittag geregnet, aber jetzt war der Himmel klar, und die zahlreichen Pfützen glitzerten in der grellen Sonne wie Fetzen blaßblauer Seide. Nur die dampfenden Nüstern der vielen Pferde, welche die Straße in beiden Richtungen passierten, und die hastenden, vorgebeugt gegen den Wind ankämpfenden Fußgänger verrieten, wie trügerisch der augenblickliche Sonnenschein war.
Er seufzte. Es war im März 1784; erst vor einem guten Jahr war er aus Westindien heimgekehrt, aber ihm kam es wie ein Jahrhundert vor.
So oft er konnte, hatte er die lange Reise von Falmouth nach London unternommen, um direkt bei der Admiralität herauszufinden, warum seine Briefe ohne Antwort blieben, warum alle seine Anträge auf Zuteilung eines Schiffes, ganz gleich was für eins, nicht beachtet wurden. Und jedesmal kamen ihm die Warteräume voller vor. Es waren immer die gleichen Männer; aber je öfter sie abgewiesen oder vertröstet wurden, um so unsicherer klangen ihre Stimmen bei den endlosen Gesprächen über Schiffe und Seeschlachten, um so mehr schwand ihr Selbstvertrauen. Dutzendweise wurden Schiffe außer Dienst gestellt, und jede Hafenstadt beherbergte ihr volles Maß an dem menschlichen Treibgut eines beendeten Krieges: Invaliden und Krüppel; Männer, die im Geschützfeuer taub und blind geworden waren; andere, die von ihren Erlebnissen halb verrückt geworden waren. Seit dem Friedensschluß im Vorjahr war der Anblick solcher Menschen etwas so Gewöhnliches, daß man gar nicht mehr darüber sprach, und die Betroffenen selbst waren zu verzweifelt, um überhaupt noch zu hoffen.
Eben bogen unten zwei Männer um die Ecke. Das Herz krampfte sich ihm zusammen bei dem Anblick. Auch ohne ihre zerfetzten roten Röcke hätte er gewußt, daß es ehemalige Soldaten waren. Am Rinnstein hielt eine Kutsche; die Pferde steckten die Köpfe zusammen und erkundeten, was sich in ihren Futtersäcken befand. Der Kutscher unterhielt sich mit einem elegant livrierten Lakaien aus dem Nebenhaus, und keiner der beiden warf auch nur einen Blick auf die zerlumpten Veteranen.
Der eine lehnte seinen Kameraden an eine Steinbalustrade und trat dann zur Kutsche. Bolitho erkannte, daß der Mann, der sich an dem steinernen Geländer festhielt, blind war; er wandte den Kopf zur Straße hin, als horche er, wo sein Freund geblieben war. Worte waren da überflüssig. Der Soldat blickte den Kutscher und den Lakaien nur an und hielt die Hand auf. Die Geste war weder aggressiv noch unterwürfig, aber seltsam eindringlich. Nach kurzem Zögern steckte der Kutscher die Hand in die Innentasche seines schweren Mantels.
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